Aus dem Buch „Heimweh, Eisbein &Lametta
Mein erster Ferienjob
Meinen ersten Ferienjob hatte ich in einem Sommer, Ende der sechziger Jahre, in der Jonsdorfer Gondelfahrt. Damals waren die Gesetze, betreffs der Ferienarbeit für Kinder unter vierzehn Jahren, noch nicht so, wie man sie heute kennt. So verdingte ich mir als zehnjähriger mit einem Stundenlohn von 1,30 Mark am Gondelteich in Jonsdorf mein erstes Taschengeld.
Wir waren zu zweit. Der Chef hieß Manfred. Er war ruhig und umgänglich, schrieb jeden Kahn auf der ablegte und notierte die Zeit peinlich genau.
Manfred ging schon in die achte Klasse und rauchte. Die Zigaretten hatte er in einer kleinen Blechschachtel versteckt. Immer wenn alle Kähne auf dem Teich gondelten und es einen Moment nichts zu tun gab, zündete er sich eine „Alte Juwel“ mit Filter an und genoss sie in kräftigen Zügen. Das war eben schon ein richtiger Mann, dachte ich, einer der raucht, das hatte mir imponiert und so wollte ich später auch mal sein.
Meine Aufgabe bestand darin, den Leuten beim Einsteigen in die Kähne zu helfen. Nach einer halben Stunde wies mich Manfred an, ein Schild mit der Nummer des Kahnes an das hölzerne Bootshaus zu hängen, um somit den Gondlern zu signalisieren, dass ihre halbe Stunde Fahrzeit abgelaufen sei und sie anlegen sollten. Dann war ich wieder gefragt, die Kette des angelegten Kahnes festzuhalten und beim Aussteigen zu helfen. Das funktionierte fast immer perfekt, bis auf einmal. Beim besten Willen gelang es mir nicht eine viel zu dicke Dame schadlos auf den Bootssteg zu bringen. Der Kahn geriet beim Aussteigen ins Wanken, die Dicke verlor den Halt und meine Kraft reichte nicht aus, um sie festzuhalten. Sie schrie und klatschte ins Wasser. Nun eilte, der sonst so ruhige und etwas träge Manfred aus dem Bootshaus, um die nasse und zu Tode erschrockene Urlauberin aus dem Gondelteich zu fischen und an Land zu hieven. Ihr Mann schnurrte mich an, dass ich hätte, besser aufpassen müssen, und dass sie hierher nie wieder zum Gondeln kämen. Er verschwand mit seiner unglücklichen Frau, der jede Menge Schminke über das Gesicht floss, so dass sich ihre Tränen schwarz färbten. Ich hätte im Boden versinken können, so peinlich war mir der Fall der dicken Frau. Der sonst so ruhige Manfred musste laut lachen und klopfte mir auf die Schulter: „Gut gemacht Kleener!“
Je nach Wassermenge an Regentagen und der Geschicklichkeit der Kahnfahrer musste ich mit einer leeren Blechbüchse das Wasser aus den Booten schöpfen, damit niemand nasse Füße bekam. Das gehörte ebenso zu meiner Arbeit, wie manchmal Urlauber über den Teich zu chauffieren, die sich selbst nicht zutrauten, zu rudern. Das machte besonders viel Spaß und brachte oft eine extra Mark ein. Einmal am Nachmittag kam auch Reinhard Schwerdtner, der Besitzer des Gondelteiches und der daneben befindlichen Eisdiele, um nach dem Rechten zu sehen. Er brachte immer einen Eisbecher mit. Meist gab es Vanille-, Schoko- und Erdbeereis. Manchmal war sogar Bananeneis dabei, für mich damals ein Highlight.
Mit prüfendem Blick kontrollierte er genau, ob tatsächlich auch jeder Kahn und der richtige Preis ordnungsgemäß eingetragen waren. Selten gab es eine Beanstandung. Die Nachmittage am Gondelteich waren keine schwere Arbeit. Täglich drei – vier Stunden, das machte Spaß.
Am Ende hielt ich 50,- Mark Lohn in meiner Hand und überlegte, was ich mir davon wohl kaufen könnte. Stolz zeigte ich am Abend das Geld meiner Mutter. Die lobte mich, wie tüchtig ich doch sei. Am nächsten Nachmittag liefen wir, mein Bruder, meine Mutter und ich zu Frau Hubalowsky ins Schuhgeschäft. Mutter meinte, dass wir unbedingt für das kommende Schuljahr neue Schuhe brauchten. Sie war alleinstehend mit uns beiden Jungs, die Haushaltskasse meist knapp und zwei Paar Schuhe auf einmal nicht gerade billig. Also steuerte ich meine 50,-Mark zum Schuhkauf bei. Anfangs zierte sich meine Mutter, letztendlich floss mein Verdienst in die Geldkassette des Schuhgeschäftes.
Obwohl ich mein erstes selbstverdientes Geld nicht lange hatte und ich mir irgendetwas anderes viel lieber gekauft hätte, war ich ein bisschen stolz und ich glaube, Mutter dankbar.
Aus dem Kinderbuch: „Der gestohlene Edelstein“
Die Sonne stand hoch am Himmel, kein Wölkchen ward zu sehen und die Nachmittagshitze lud Toni zum Eis essen in Schwerdtners Eisgarten ein. An diesem Samstagnachmittag waren viele Leute unterwegs, nicht nur, um Eis zu essen oder im Gondelteich Kahn zu fahren, sondern auch, um auf den Nonnenfelsen zu steigen oder einfach nur durch den Wald zu wandern.
Seine Eltern waren an die Ostsee gefahren, Toni hatte dazu keine Lust gehabt und wollte die letzte Ferienwoche allein zuhause bleiben. Einen festen Plan für diese Zeit hatte
er keinen, heute Nachmittag ist erst einmal chillen angesagt.
Toni lief am Wassertretbecken vorbei, bis hin zum Klettersteig am Nonnenfelsen. Dort entdeckte er zwei Bergsteiger, die mit Seilen und Haken Stück für Stück den Felsen erklimmen wollten. Um die beiden Bergsteiger weiter beobachten zu können, musste er immer wieder um Bäume und auch kleinere Felsen herumlaufen, die beiden Kletterer fest im Blick.
Doch was ist das? In einer Felsspalte glitzerte etwas. Er blickte genauer in die Felsspalte hinein und tatsächlich, da glänzte ein ganz heller, fast weißer Stein. Das muss ein Edelstein sein. Mühselig beförterte ihn Toni ans Tageslicht. Wow, war der schön. Er passte geradeso in seine Hand und glitzerte in der Nachmittagssonne. Toni war sich sicher, einen wertvollen Schatz geborgen zu haben und steckte sich den Stein in die Tasche. Noch einmal blickte er sich um, niemand war zu sehen. Auch die Bergsteiger konnte er nirgends mehr entdecken. Am merkwürdigsten war auf einmal die Stille um ihn herum. Die vielen Leute, die eben noch unterwegs waren, die Kinderstimmen, die er laut hörte, nichts war mehr da. Kein Windhauch, kein Blatt an den Bäumen, nichts bewegte sich. Das kam ihm unheimlich vor. Nur eine alte Frau mit einem riesigen Korb auf dem Rücken kam schweren Schrittes auf Toni zu und blieb vor ihm stehen. Ihre Haare waren grau wie Stein, ihr Gesicht hager und kantig. Sie streckte die Hand nach ihm aus und sprach mit einer Stimme, die sich wie das Knarren einer Tür anhörte. „Du hast etwas gestohlen, was mir gehört, das will ich wieder haben.“ Toni nahm seinen ganzen Mut zusammen und antwortete der alten Frau: „Ich habe nichts gestohlen, was dir gehört. Wer bist du?“ Die Alte trat noch einen Schritt näher an Toni heran, hielt ihren Kopf etwas schräg und forderte ihn erneut auf: „Ich habe dich beobachtet, wie du aus der Felsspalte diesen Edelstein herausgeholt hast. Ich, die Stein-Berta, bin hier die Herrin über das ganze Gebiet rings um den Nonnenfelsen. Deshalb gehört der Edelstein mir, gib ihn her!“ Toni trat einen Schritt zurück und erwiderte: „Den Edelstein habe ich gefunden, darum gehört er mir, und außerdem, Stein-Berta, von dir habe ich noch nie etwas gehört! Wo kommst du her? Steine sind doch tot.“ Toni schlug das Herz bis zum Hals, als er das sagte. Ein bisschen fürchtete er sich schon vor der gruseligen Alten, doch den Edelstein hergeben wollte er auch nicht. „Du solltest es dir gut überlegen, ob du mit mir streiten willst. Den Stein hast du nicht gefunden, sondern aus der Felsspalte herausgebrochen, also gestohlen! Seit ewigen Zeiten sind wir Steine schon hier, längst, bevor es Menschen gegeben hat. Wir gehören hierher, mehr noch als du. Und von wegen tot! Wir sind lebendiger als du glaubst“, schimpfte jetzt die Stein-Berta. Toni streckte seine Hand aus und berührte die Stein-Berta am Arm. Es fühlte sich eiskalt, steinhart und rau an. „Das ist doch bloß ein Faschingskostüm oder eine Maskerade aus dem Theater“, behauptete Toni lautstark. Die Stein-Berta wurde zornig: „Was bildest du dir denn ein, du vorlauter Lümmel. Ich stehe an der Südseite der Nonnenfelsen und habe so manches Mal gemeinsam mit den anderen Felsen, Unwetter und Sturm aufgehalten. Gib den Edelstein her, sonst wird etwas Grässliches geschehen!“ Sie griff nach Tonis Arm, doch der wich aus und eilte davon.
Er überquerte den Weg, rannte weiter in den Wald, blieb nach etwa hundert Metern stehen und drehte sich vorsichtig um. Er traute seinen Augen nicht. Hoch oben auf der Südseite der Nonnenfelsen ragte ein Stein heraus, dessen Gesicht genauso aussah, wie das der Stein-Berta. Trotzdem beschloss Toni, den Edelstein zu behalten.
Was war das? Es wurde immer heißer und heißer. Ein heftiger Sturm kam auf und fegte Äste, Sträucher und kleine Steine durch die Luft. Toni warf sich auf den Boden und hielt sich an einem Strauch fest, in der Hoffnung, dass der Sturm ihn nicht auch noch durch die Luft wirbelte. Trotz des Heulens des Windes hörte er die Stimme der Stein-Berta: „Du hast gestohlen meinen Edelstein! Bringst du ihn nicht wieder, wirst du in sieben Tagen zu Stein!“ Der Sturm heulte immer lauter, die vielen kleinen Steine pfiffen über seinen Kopf hinweg und schlugen auf den trockenen Waldboden ein. Das staubte so sehr, dass Toni nichts mehr sah. Einige Steinchen trafen ihn sogar am Kopf, und er blutete etwas.
So schnell wie der Sturm gekommen war, so schnell war er auch vorüber. Vorsichtig stand Toni auf, schaute sich um und erschrak! Viele Bäume waren verschwunden und Bäume, die vorher noch groß waren, sahen aus, als ob man sie gerade erst gepflanzt hätte. Jetzt hatte Toni freie Sicht, nicht nur bis zur Stein-Berta, sondern auf den ganzen Nonnenfelsen. Links neben dem Weg zu dessen Gipfel ragt ein mächtiger Felsen in die Höhe, der „Mönch“. Durch den heftigen Wind war ein großer Strauch am oberen Teil des Felsens hängen geblieben, so dass es aussah, als ob dem „Mönch“ ein Bart gewachsen sei, als er zu Toni sprach: „Wie kannst du nur so eine große Klappe haben. Natürlich hast du den Edelstein gestohlen. Sich mit der alten Stein-Berta einzulassen, war keine gute Idee…
Toni riss die Augen auf und konnte es nicht fassen, dass ein Felsen zu ihm gesprochen hat… Nur noch weg von diesem unheimlichen Ort, dachte Toni und rannte den Weg weiter, um endlich aus dem Wald herauszukommen. Geschafft! Doch da war keine Straße mehr, sondern nur noch ein steiniger Weg. Keine Straßenlampe, kein Parkplatz, kein Auto, kein Fahrrad und auch keine Leute konnte Toni sehen. Die meisten Häuser waren verschwunden und die wenigen Umgebindehäuser, die noch dastanden, hatten kaum Farbe. Alles sah grau aus. Was war geschehen? Wo sollte er nur hin? Toni hatte völlig die Orientierung verloren. Auf dem staubigen Sandweg lief er in die Richtung, wo er sein zuhause vermutete.
Oben auf dem Kammsteinweg kamen ihm zwei Reiter entgegen, gefolgt von einer Kutsche, die hinter sich eine große Staubwolke herzog. Die Reiter blieben vor ihm stehen, auch die Kutsche machte Halt und einer der Soldaten brüllte zu Toni: „Wer ist er? Was will er hier?“ ……..
Aus dem Buch „Apfelsinen am Lausche-Hang“: Gottfrieds letzte Reise
Ein großer Teil unseres Familienlebens spielte sich damals in dieser Küche ab. Meine Mutter, die gelernte Friseuse, die der Liebe wegen 1956 von Berlin nach Jonsdorf gezogen war, wohnte nach der Trennung von meinem Vater mit meinem Bruder und mir in der Rengermühle. Zwar arbeitete Sie inzwischen als , aber an den Wochenenden, meistens am Samstagnachmittag, schnitt sie dem einen oder anderen Herrn aus der Nachbarschaft die Haare oder verhalf mit Lockenwickler und Fön einer Bekannten zur neuen Frisur, damit diese dann zum samstäglichen Tanz ins Dorf gehen konnte.
Die Gartenarbeit war getan, die Wäsche lag frisch gebügelt im Schrank und Mutter hatte einen Kuchen in den Herd geschoben. Mein Bruder und ich saßen auf dem Küchensofa und lauschten den neuesten Geschichten der Haarschneide- und Lockenwicklerkunden unserer Mutter.
Die sozialen Medien von damals hießen Dorftratsch, das Gespräch über den Gartenzaun und die Neuigkeiten vom Stammtisch oder Friseur.
Der Duft von frisch gebackenem Kuchen, der sich mit dem Geruch der Haarwäsche, des Haarlackes und ein wenig Bier, das gern zum Festigen der Haare verwendet wurde, vermischte, strahlte Behagen und Gemütlichkeit aus.
Es muss so Anfang Oktober gewesen sein. Mein Bruder und ich kamen gerade vom Waschhaus aus der Badewanne. In unserer Küche saß schon der alte Thiele und ließ sich die Haare schneiden.
Bald darauf erschien auch die kleine Christel in der Küche. Sie hatte ihre Haare gewaschen, ein Handtuch um den Kopf geschlungen und bat meine Mutter, ihr ein paar Lockenwickler einzudrehen. Sie nahm auf dem Küchenstuhl Platz, um zu warten.
Dann begann der alte Thiele von der besoffenen Hilde zu erzählen, der etwas Entsetzliches Widerfahren sei. Sie arbeitete in derselben Fabrik wie er und hatte ihm ein schauriges Drama anvertraut. Kaum jedoch, dass er angefangen hatte, stutzte die kleine Christel und konnte nun ihrerseits mit einer schier unglaublichen Geschichte aufwarten, die sie von ihrem Vater erfahren hatte, der sie wiederum von dem einäugigen Emil und dem einfältigen Willi mit der Schiebermütze erzählt bekommen hatte. Meine Mutter legte die Schere beiseite und setzte sich gegenüber vom alten Thiele auf dem Küchenstuhl. Der bat meine Mutter, einen Schluck vom Bier, das ja als Haarfestiger gedacht war, trinken zu dürfen. Sie nickte. Mein Bruder und ich richteten uns vom Küchensofa auf und hörten wie unsere Mutter gespannt zu. Bald stellte sich heraus, dass die Geschichten der Beiden in unmittelbarem Zusammenhang standen.
Der kleine bucklige Gottfried war verschieden. Der Jüngste war er nicht mehr gewesen, hier und da hatte ihn ein Zipperlein geplagt, das Ende war schließlich durch eine Lungenentzündung gekommen. Seine Frau, die knausrige Alma, wollte ihn in der Leichenhalle aufbahren lassen, damit sich die Leute im Dorf von ihm verabschieden könnten. Der bucklige Gottfried war beliebt gewesen, hatte meistens vor seinem kleinen Häuschen gesessen und immer ein lustiges Wort auf den Lippen gehabt. Alma beauftragte ihren Cousin aus dem Nachbardorf, einen einfachen Sarg zu zimmern, es sollte ja nicht viel kosten. Als der jedoch länger als geplant für Gottfrieds letzte Behausung brauchte, beschloss sie, ihren Mann erst einmal ohne Sarg in die Leichenhalle bringen zu lassen. Sie bat den einäugigen Emil, Gottfrieds letzte Reise zu organisieren.
Emil, der sein linkes Auge durch eine Kriegsverletzung verloren hatte und seither ein Glasauge trug, war hilfsbereit und kräftig. Er versprach Alma, ihren Gottfried wohlbehalten in die Leichenhalle zu transportieren.
Der zweite Helfer sollte Willi sein. Ein kleiner, stämmiger Mann. Als Kind hatte er eine Hirnhautentzündung erlitten, weshalb er in seiner geistige Entwicklung zurückgeblieben war, aber er hatte große, kräftige Hände und konnte gut zupacken. Ob Sommer oder Winter, immer trug er eine Schiebermütze. Manche lästerten, dass er sie womöglich auch nachts im Bett trage. Irgendwann nannte ihn jeder nur noch den Schieberwilli.
Die Sonne war längst untergegangen, Wolken bedeckten den Himmel, kein Stern war zu sehen. Emil und Schieberwilli holten einen alten Karren aus dem Schuppen, nahmen noch zwei Decken und einen Strick mit und machten sich mitten in der Nacht auf den Weg zu Alma.
Die wartete schon ungeduldig vor ihrem Haus. Das Licht hatte sie in allen Zimmern gelöscht. Es sollte keiner sehen, wer ihren Gottfried zur Leichenhalle brachte und vor allem nicht, auf welche Weise.
Die beiden Männer gingen in die Wohnstube, der bucklige Gottfried lag friedlich auf dem Sofa, als würde er schlafen. Nur durch den winzigen Strahl einer Straßenlaterne, der durch das Fenster blinzelte, konnte man den glatzköpfigen Leichnam etwas erkennen. „Und der ist wirklich tot?“, fragte Schieberwilli. „Ja, ja, der Doktor hat ja einen Totenschein ausgestellt“, flüsterte Alma. „Na, Gottfried, da wollen wir mal. Das Taxi wartet draußen“, grinste der einäugige Emil. Gemeinsam mit Schieberwilli sackte er den Reisenden an und schleppte ihn aus dem Haus. Alma platzierte eine Decke auf den Karren, dann wurde Gottfried daraufgelegt und mit der zweiten Decke zugedeckt, er sollte nicht frieren.
Nun hob Emil die Deichsel des Karrens an, sodass dieser waagerecht stand und Willi Gottfried mit dem Strick am Karren festschnürte. Alma bat darum, das Seil nicht ganz so fest zu ziehen, vielleicht könne es Gottfried noch weh tun. So genau wisse man das ja alles nicht. Willi nickte und ließ das Seil etwas lockerer. Alma weinte leise und winkte dem in Bewegung gekommenen Karren nach. Emil hatte ein weiteres Seil um seinen Oberkörper geschlungen, die Deichsel fest in der Hand und zog, während Schieberwilli von hinten schob. Gottfried lag dabei friedlich auf dem Karren gefesselt und begann seine letzte Reise.
Aus dem Buch „Dezemberland“
1.Dezember Das verunglückte Reh
Das Jahr neigt sich langsam dem Ende zu. Die Herbstwinde haben die meisten Blätter von den Bäumen gefegt. Kahle Äste knarren bei jedem Windstoß, so als ob sie sich Geschichten erzählen.
Jachim, der Älteste im Querxendorf Kaskaria schaut aus dem Fenster und runzelt besorgt seine Stirn. „Heute ist der erste Dezember und noch kein Schnee in Sicht“, spricht er zu seiner Frau Oktavia. „Drüben im Nachbarhaus, der kleine Emmerich ist schon drei Jahre alt und hat noch nie richtigen Schnee erlebt. Die paar Flocken, die in den letzten Jahren in unserem Dorf vom Himmel gefallen sind, haben beim besten Willen nichts mit einem richtigen Winter zu tun.“ „Was willst du denn machen?“, fragt Oktavia. „Wenn ich das wüsste“, antwortet Jachim achselzuckend.
Plötzlich donnert es an der Wohnungstür. Ehe Jachim herein sagen kann, stürmt Dorisch, ein Querx mit blonden Locken und einer grünen Zipfelmütze in die Stube. „Hilfe! Hilfe! Ihr müsst sofort alle nach draußen kommen! Ein junges Reh ist am Steinbruch verunglückt. Es hängt festgeklemmt zwischen zwei Steinen in einer Felsspalte.
„Rufe sofort die anderen zusammen, bringt Werkzeug mit und lasst uns unverzüglich zum Steinbruch eilen!“, befiehlt Jachim. Er schlüpft in sein warmes Mäntelchen, Oktavia bindet sich einen dicken Schal um den Hals und beide eilen los. Es dauert gar nicht lange, da stehen alle Querxmänner aus Kaskaria am Steinbruch. Killie rückt seine blaue Bommelmütze gerade und ruft dem Reh zu: „Mach dir keine Sorgen, wir helfen dir. Wie ist denn das passiert?“ Das Reh dreht den Kopf zur Seite und antwortet: „Ich war unten im Menschendorf. Da gibt es in einem Garten noch herrliche Rosen. Wer weiß, wie lange es dauert und der erste Frost macht sie alle kaputt. Ich liebe besonders die rosaroten, die schmecken mir am besten. Da habe ich mir eben den Bauch so richtig vollgeschlagen. Plötzlich kam ein riesiger Hund auf mich zu und hat laut gebellt. Da habe ich Angst bekommen und bin weggelaufen, der Hund hinter mir her.“
Das Reh hustet und atmet schwer. Erschöpft spricht es weiter: „Den Hund konnte ich abhängen, weil ich so schnell gelaufen bin, wie ich konnte. Als ich hier oben bei euch angekommen war, hatte ich einen Moment nicht aufgepasst und stecke nun hier fest. Jachim tritt näher, betrachtet sich das Bein des Rehes und stellt fest: „Gebrochen ist es nicht, wir müssen nur den großen Stein irgendwie zur Seite rollen, dann kannst du dein Bein herausziehen und bist frei.“
Ein paar Querxe versuchen mit ihren Spitzhacken den Stein zu bewegen. Gleichzeitig ziehen die anderen am Bein des Rehs. Nichts rührt sich. Immer wieder und wieder versuchen sie es. „Das Reh steckt zu tief in der Felsspalte. So schaffen wir das nie!“, ruft Dorisch den anderen zu. „Wir können es doch hier nicht feststecken lassen. Bald kommt der Frost und vielleicht auch Schnee. Das wird das Reh nicht überleben!“, erklärt Jachim besorgt.
Unterdessen ist es Mittag geworden. Mathilde, die Mutter vom kleinen Emmerich, und die anderen Querxfrauen haben einen großen Topf Steinpilzgulasch gekocht. Nach der Strapaze vom Vormittag ein willkommener Schmaus. Querxfrau Henriette bietet auch dem Reh eine Schüssel Steinpilzgulasch an. Das Reh schüttelt den Kopf: „Zum Essen ist mir gerade nicht zumute und ich hatte heute schon genug Rosen. Vielen Dank.“ Während die Querxe es sich schmecken lassen, ergreift Professor Schlaumeier das Wort: „Passt mal auf Leute! Wie ihr wisst, bin ich Lehrer in Kaskaria. Ich habe sogar schon Bücher gelesen. In einem war zu sehen, wie Menschen mit einem langen dicken Balken ein Auto angehoben haben. So konnte ein kaputtes Rad gewechselt werden. Wir sollten einen passenden Stamm finden, mit dem wir den Stein anheben und so das Bein des Rehes aus der Felsspalte ziehen können. Das leuchtet den Querxen ein und alle essen schnell auf. Widuwild, der Querx mit der längsten Nase ruft in die Menge: „Ich weiß sogar, wo wir so einen Stamm finden können!“ Alle Querxmänner folgen Widuwild. Mathilde stellt dem verletzten Reh ein Eimerchen mit Wasser hin: „Trink ruhig, du bist bestimmt durstig.“ Das verletzte Reh trinkt hastig den Eimer leer.
Unterdessen wird es Abend und die Sonne verschwindet langsam hinter den Fichten.
Endlich tauchen die Querxe mit einem Stamm auf. Mit Äxten spitzen sie das dünnere Ende des Stammes an, legen einen Stock quer vor den zu bewegenden Stein und hängen sich alle an das dicke Ende des Stammes. Der Fels bewegt sich ein kleines Stück, doch es reicht nicht, um das Bein des Rehes aus der Felsspalte zu ziehen. Immer wieder probieren es die hilfsbereiten Querxe. Professor Schlaumeier kratzt sich am Kopf und stellt fest: „Leute, wir sind zu leicht, um diesen Felsen zu bewegen. Wir brauchen mehr Gewicht.“ Alle schauen auf den dicken Grummelich. Der entschuldigt sich: „Ich weiß ja, dass ich dick bin, doch scheinbar nicht dick genug.“ Da müssen, trotz der großen Anstrengung, alle lachen. „Wir brauchen eben ein paar dicke Grummeliche mehr“, scherzt Jachim. „Augenblick mal Leute. Ich habe eine Idee!“, ruft Professor Schlaumeier in die Menge und läuft davon.
Unterdessen ist es dunkel geworden. Einige Querxe haben ihre Laternen angezündet. Da ist ein lautes Schnaufen zu hören. Professor Schlaumeier kommt mit Detlef dem Dachs um die Ecke. Der erkennt schnell die Lage und läuft zum Reh.
Erneut hängen sich alle Querxe an dem Stamm. Als der Stein sich bewegt, greift der Dachs mit seinen kräftigen Krallen zu und rollt ihn zur Seite. Das Reh zieht sein Bein aus der Felsspalte und ist befreit. Die Querxe jubeln und freuen sich, dass sie mit vereinten Kräften und Detlef dem Dachs das Reh retten konnten. Abschließend wirft noch Doktor Pillrich, der Arzt von Kaskaria, einen fachmännischen Blick auf die Verletzung und befindet: „Halb so schlimm. Der Kratzer heilt in den nächsten Tagen!“ „Vielen Dank liebe Freunde, dass ihr mir geholfen habt. Das werde ich euch nicht vergessen!“, bedankt sich das Reh, dreht sich um und läuft langsam in den Wald.
„Vielen Dank lieber Detlef.“ Jachim klopft dem Dachs auf die Schulter. „Jetzt sollten wir aber alle nach Hause gehen, das war ein anstrengender Tag“, ruft er Killie, Dorisch und allen anderen zu.
Am Abend sitzen alle Querxe am wärmenden Lagerfeuer und haben sich noch eine Menge zu erzählen, bevor sie später in ihre Holzhütten gehen und zufrieden einschlafen.
„